Anonymität

Kennen Sie das, wenn verschiedene Ereignisse und Entwicklungen am Anfang nebeneinander verlaufen, kaum Berührungspunkte haben, dann aufeinander zulaufen und am Ende ein Weg entsteht, der gar nicht anders hätte sein können?

Ich glaube es war so Mitte des Jahres 2016, da habe ich im Kino den Film „Ich, Daniel Blake!“ gesehen, der in Cannes als bester Film des Jahres ausgezeichnet wurde. Daniel Blake verliert in Folge einer Erkrankung seine Arbeit und gerät in die Mühlen zwischen Sozialversicherung und Jobcenter. Dieser Film hat mich sehr berührt. Aufgrund seiner Tiefe, weil er die Absurdität eines durch Reformen verstümmelten Sozialsystems aufzeigt. Und ich konnte nicht anders, als mich mit der Hauptfigur zu identifizieren. Auch ich habe aufgrund einer Erkrankung meine Arbeit verloren und bin in der Folge in die Mühlen des Sozialsystems geraten.

Unabhängig davon beschäftigen mich seit geraumer Zeit verschiedenste politische Themen. Ich bin – wie meines Erachtens viele andere Menschen in unserem Land – nicht einverstanden mit der zunehmenden Ungleichheit und Ungerechtigkeit und der Art und Weise, wie mit den zunehmenden internationalen Krisen umgegangen wird. Ich bin immer häufiger zu politischen Veranstaltungen gegangen und habe eine Möglichkeit gesucht, mich selbst zu engagieren. Auf dieser Suche habe ich mehrfach an Veranstaltungen und organisatorischen Treffen unseres regionalen attac-Netzwerkes teilgenommen. An einem dieser Treffen wurde der Vorschlag der lokalen Gruppe des Netzwerkes IPPNW diskutiert, eine gemeinsame Veranstaltung zu den Auswirkungen der Agenda-2010 zu machen. Ausgangspunkt sollte in Anlehnung an den oben genannten Film die Frage sein: „Wie würde es einem Daniel Blake in Deutschland ergehen?“
Man hatte die Idee und einen Referenten, doch es fehlte noch etwas und man wusste noch nicht so recht was.
Ich war mir noch unsicher, ob und auf welche Weise ich mich engagieren sollte. Doch die Idee beschäftigte mich. Vor dem Hintergrund meiner Arbeitssuche beschäftige ich mich ohnehin laufend mit Fachthemen. Dabei lief mir eine besondere Methode für die Moderation von Gruppen und Beteiligungsprozessen quasi über den Weg (Dynamic Facilitation), bei der ich plötzlich wusste, dass könnte das fehlende Glied sein.
Ich nahm Kontakt zu attac auf, stellte meine Idee vor und war seit dem Mitglied im Vorbereitungsteam für eine Veranstaltungsreihe zur Agenda 2010, die in der Folge immer mehr Gestalt annahm und in den regionalen Organisationen des DGB und der IG-Metall weitere Unterstützer fand.

Wir führten zwei Veranstaltungen durch.

In der ersten Veranstaltung zeigten wir in Kooperation mit dem kommunalen Kino noch einmal den Film „Ich, Daniel Blake!“ und luden anschließend zu einer Diskussion über den Film und die Frage ein „Wie würde es einem Daniel Blake in Deutschland ergehen?“. Ich moderierte diese Diskussion nach der von mir vorgeschlagen Methode und war am Ende selbst überrascht, wie gut die Methode funktionierte. Und ich habe mich einfach sehr gefreut, mal wieder eine Gruppe zu moderieren. Dies war früher regelmäßiger Teil meiner Arbeit und… wow, ich konnte es noch.

Die zweite Veranstaltung fand einen Monat später im Gewerkschaftshaus statt. Sie bestand aus drei Vorträgen. In dem ersten wurden die Veränderungen durch die Agenda 2010 in Bezug auf Krankengeld, Erwerbsminderungsrenten, Arbeitslosengeld und die Umwandlung der Arbeitslosenhilfe in das ALG-2 dargestellt. Im dritten Vortrag ging es um die Veränderungen bei den Altersrenten. Dazwischen sollte es einen Erfahrungsbericht einer Hartz-IV-Betroffenen geben.

Zu unserem Bedauern hat die Hartz-IV-Betroffene kurz vor der Veranstaltung ihre Teilnahme abgesagt. Sie schrieb uns, dass sie aufgrund aktueller Ereignisse in ihrem Umfeld den Schutz der Anonymität nicht aufgeben wolle und könne. Ihr sei klar geworden, „warum viele kritische Hartz-IV-Betroffene den Schutz der Anonymität bevorzugen“.
Ich erfuhr später die Hintergründe und kann nur sagen, dass es triftige Gründe für diese Absage gab.

Nun kam für mich der Punkt, an dem verschiedene Entwicklungen aufeinander zuliefen.
Wie wohl viele Hartz-IV-Betroffene, habe auch ich wenig von mir erzählt. Im Vorbereitungsteam wusste man nur, dass ich auch Hartz-IV beantragen musste und man wusste, dass ich auch beruflich mit dem Thema zu tun hatte, sowohl über Sachverstand als auch persönliche Einblicke in das System der sozialen Sicherung verfügte. Ich wurde gefragt, ob ich neben der Moderation auch diesen Teil der Veranstaltung übernehmen könne. Ich sagte zu.

Auch mich beschäftigte die Frage der Anonymität. Ich schreibe hier anonym, aus gutem Grund. Soll ich diese jetzt wirklich aufgeben? Kann es mir schaden? Ja. Kann es mir helfen? Ja. Wie soll man sonst den Rand der Gesellschaft wieder verlassen oder die Gesellschaft dahin bringen, dass sie den Rand aufnimmt, wenn man ihn nicht beleuchtet?

Es war schwer herauszufiltern, welche Teile meiner Geschichte, die hier recht schonungslos dargestellt ist, ich in einem Vortrag verwenden konnte und wollte. Ich hatte zwei Tage Zeit, machte mich an die Arbeit, schrieb und kürzte und kürzte und kürzte.
Es war schwer, den Vortrag zu halten. Es gelang mir, humorvolles einzubauen, so dass ich selbst lachen konnte. An der einen oder anderen Stelle stockte ich, musste mich sammeln…
Es ist mir anscheinend gelungen, meine Zuhörer zu berühren. Die positiven Rückmeldungen, die ich erhielt, waren überwältigend und ich freue mich, dass ich es gewagt habe, meine Anonymität in diesem Kreis aufzugeben.

Jetzt zum Wochenende wurde mit der Dokumentation der Veranstaltung mein Vortrag veröffentlicht. Bei aller Freude über die gelungene Veranstaltung, ist dies für mich doch mit großer Unsicherheit verbunden. Habe ich zu viel gewagt? Sollte ich beides miteinander verbinden? Sollte ich auch in diesem Blog meine Anonymität aufgeben?

Dieser Schritt wäre für mich zu groß. Ich habe mich entschieden, soweit es denn geht beides erst einmal zu trennen und hier weiterhin anonym zu bleiben…

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