Die Sortiermaschine

Sind sie zu stark- bist Du zu schwach

Rückblickend gehen mir immer mal wieder Gedanken zu der medizinisch-beruflichen Rehabilitation durch den Kopf, in die die Rentenversicherung mich geschickt hat.
Dabei geht es nicht nur darum, wie es mir ergangen ist.
Vielmehr geht es mir um dieses System der Rehabilitation an sich.

Ich kann die Größe der Einrichtung nur schätzen, ich denke es sind permanent zwischen 80 und 100 Menschen dort in der Rehabilitation. Jede Woche werden einige verabschiedet und beginnen andere die Maßnahme. Gehört man selbst zu Beginn zu den Neuen, gewöhnt man sich nach zwei Wochen an die Abläufe, gehört nach vier Wochen zu den ‚alten Hasen‘ und ist schon wieder weg. Drei bis vier Wochen später liegt dann ein ‚Gutachten‘ auf dem Tisch.

Am Ende können vier Ergebnisse stehen:

  1. Arbeitsfähig und eigenständige Rückkehr in den Beruf möglich (in diese Kategorie werden denke ich die wenigsten eingestuft),
  2. Arbeitsfähig, Rückkehr in den Beruf mit Unterstützung möglich (in diesen Fällen werden Leistungen der beruflichen Rehabilitation empfohlen),
  3. Nicht arbeitsfähig aber mit der Prognose, die Arbeitsfähigkeit mit Unterstützung erlangen zu können (hier werden intensivere Maßnahmen der Rehabilitation empfohlen),
  4. Grundsätzlich nicht arbeitsfähig. Dies bedeutet ‚ab in die Rente‘.

Man durchläuft ein standardisiertes Testverfahren, welches jede Woche neu beginnt. Für mindestens 6 Wochen ist in der Zeit von 8:00 bis 16:00 alles eine Testsituation. Alles, was man in dieser Zeit tut oder auch nicht tut wird registriert. Inwieweit man dabei wirklich gesehen wird, wie man ist, ob man tatsächlich an den Standards, die angelegt werden, gemessen werden kann, bleibt offen.
So erweckte das Ganze bei mir den Eindruck einer großen, rund um die Uhr laufenden Sortiermaschine, die die Spreu vom Weizen trennen soll. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen und die nicht mehr brauchbaren werden ganz aussortiert.

Die Menschen, die dort hingeschickt werden, sind sehr unterschiedlich. Sie haben völlig unterschiedliche Schuldbildungen, Ausbildungen und Berufe. Sie haben unterschiedliche Geschichten, Hintergründe und Erkrankungen.
Zwei Dinge haben sie gemeinsam: Sie sind aus irgendeinem Grund aus der Arbeitswelt herausgefallen. Und sie haben eine psychiatrische oder psychosomatische Diagnose.
Dabei war mein Eindruck, dass ein großer Teil (vielleicht ein Drittel) an sich nicht psychisch krank war. Jedenfalls nicht in dem Sinne einer ursächlichen psychischen Erkrankung. Sie haben zweifelsohne sehr belastende Situationen erlebt und den Boden unter ihren Füßen verloren. Ein großer Teil ist vor dem Hintergrund von Arbeitslosigkeit und Krankheit existenziell bedroht.
Ich denke, dass dieser Teil der Rehabilitanden – ähnlich wie ich – dort nicht hätten sein müssen wenn man ihnen eine reelle Chance geben würde, in ihren (oder einem anderen) Beruf zurückzukehren, wenn man ihnen helfen würde, die passende Nische für sich zu finden.

So ist mir eine dort eine Frau Ende 30 begegnet, die in ihrer Kindheit eine schwere Erkrankung hatte. Durch diese Erkrankung wurde sie viele Jahre von als zu fordernd empfundenen Einflüssen abgeschirmt und sie hat bis heute eine große Unsicherheit in Bezug auf ihr Können und ihre Leistungen behalten. Sie ist klug, hat eine Ausbildung und im kaufmännischen Bereich gearbeitet. In einer Umbruchsituation bei ihrem früheren Arbeitgeber ergaben sich Druck und Konflikte, unter denen nicht nur sie, sondern beinahe die ganze Abteilung gelitten hat. Sie musste als eine der ersten gehen und findet vor dem Hintergrund ihrer Erkrankung keine neue Arbeit.
Sozialversicherungsträger und Jobcenter schicken sie seitdem von einer Maßnahme zur nächsten: Medizinische Rehabilitation, 1-Euro-Job, berufliche Trainingsmaßnahme, 1-Euro-Job, medizinisch-berufliche Rehabilitation. Seit 10 Jahren durchläuft sie diese Mühle und kommt da nicht raus! Was ist das Ergebnis der Belastungserprobung?
Man schickt sie erneut in eine berufliche Trainingsmaßnahme.
Doch was sie braucht ist ein Arbeitgeber, der ihr einen Arbeitsplatz mit einem angenehmen Betriebsklima bietet. Sie braucht einfach Vorgesetzte, die ihr Vertrauen und Sicherheit vermitteln, um in ihrer Arbeit Selbstvertrauen zu entwickeln. Auch die sechste oder siebente Maßnahme wird ihr dies nicht vermitteln können.

Aus den Vorstellungen „Jeder ist seines Glückes Schmied“ oder „Jeder kreiert sich sein Leben selbst“ wird den Teilnehmern dieser Maßnahmen vermittelt: „Du bist selbst verantwortlich für Deine Situation und nur Du kannst Dich daraus befreien.“
Natürlich ist da etwas dran. Doch dieser Ansatz wird so konsequent verfolgt, dass die Betroffenen in der Suche nach Lösungen allein gelassen. Sie sind ja selbst verantwortlich… Sie verzweifeln daran, sind irgendwann erschöpft, werden vielleicht wirklich psychisch krank um dann zu hören: „Siehst Du, Du bist krank und bist dem Arbeitsleben nicht mehr gewachsen. Du musst Dich anpassen und stärker werden oder Du bist draußen.“

Das ist eine „Sind sie zu stark – bist Du zu schwach – Mentalität“.

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