Wie geht es mir persönlich mit alldem?

Was macht diese ganze Geschichte mit mir?

Seit 9 Jahren kämpfe ich nun mit den Folgen meiner Erkrankung. Die körperliche Beeinträchtigung kann ich ganz gut handhaben, solange ich Emissionen aus Laserdruckern oder ähnliche Schadstoffe meide, geht es mir körperlich gut.

Am Anfang stand eine lange Suche nach den Ursachen meiner Erkrankung. Wider besserer Erkenntnisse verpasst man mir den Stempel psychisch krank zu sein. Dies ist vielleicht nur ein Stempel. Aber er verhindert auch, dass ich adäquate medizinische und soziale Unterstützung bekomme.
Zweimal habe ich nun schon Jobs verloren, in denen ich gut war und mich wohl gefühlt habe. Zwei Arbeitsaufnahmen sind gescheitert. Dies hätte durch eine einfache Unterstützung verhindert werden können.
Ich habe neben meiner Gesundheit und Arbeit auch anderes verloren. Mein kleines, bescheidenes Vermögen ist aufgebraucht, ich habe meine Wohnung verloren und lebe in einem WG-Zimmer.

Ich hatte Phasen, in denen ich sehr niedergeschlagen und hoffnungslos war, traurig und wütend. Ich übe mich darin, dennoch die positiven Dinge zu sehen, das Lachen nicht zu verlernen. Ich muss mich davor hüten, dass aus Humor nicht Ironie oder Sarkasmus wird.

Ich habe vor kurzem die Rückmeldung eines anderen Betroffenen aus der Stiftung nano-Control bekommen, dass kaum ein anderer Betroffener so engagiert sei und so kämpfe wie ich. Danke dafür.
Ich hatte über 3 Jahre einen Therapeuten, der mich unterstützte und der mir zum Abschied sagte: „Ich frage mich, wo Sie die Kraft hernehmen, dies alles durchzustehen. Ich bewundere Sie dafür.“ Auch dafür danke!
Ich weiß nicht, woher ich die Kraft nehme. Ich spüre nur, dass sie in mir ist und einfach aus mir selbst kommt. Vielleicht kommt sie daher, dass ich immer versuche die Achtung vor mir selbst zu bewahren.

Dies ist jedoch nicht immer einfach.

Zum einen musste ich feststellen, dass – wie Volker Pispers es ausdrückt – der Stacheldraht unserer gesellschaftlichen Konventionen auch durch meinen Kopf gezogen ist. „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ oder „Jeder ist seines Glückes Schmied“ sind solche Sätze, die uns eingetrichtert werden. Ich habe zum Beispiel das wunderbare Geschenk erhalten, dass ich für ein paar Tage ein Segelboot nutzen durfte, um Abstand von all dem zu gewinnen. Und ich brauchte lange, um es mir selbst zu erlauben, dies auch zu dürfen und zu genießen.

Ich habe sehr viel Zurückweisung erfahren. Von Ärzten und Psychologen, die mir nicht glaubten, von Arbeitgebern, bei denen ich beschäftigt war und erst recht von denen, bei denen ich mich beworben habe. Auch von der Krankenkasse, der Arbeitsagentur und der Rentenversicherung. Wie diese Institutionen mit ihren Versicherten umgehen ist haarsträubend. Sehr viel Zurückweisung habe ich bei der Suche nach einer neuen Wohnung erfahren. Es ist überall im öffentlichen Leben zu spüren, wann immer bekannt wird, dass man in einer sozialen Notlage ist, rücken Menschen von einem ab, manche behandeln einen wie den letzten Dreck.
Es bedarf sehr viel Kraft, sich nicht selbst wie Dreck zu fühlen. Manchmal war ich kurz davor.

Man zieht sich von Menschen oder aus bestimmten Situationen zurück. Ich gehe Fragen wie „Wie geht es Dir?“ oder „Was machst Du so?“ aus dem Weg.
Sie sind schwer zu beantworten. Manche Menschen reagieren mit gut gemeinten Ratschlägen, die aber auch wie Schläge wirken können. Manche verstehen es einfach nicht, was ich dann erzähle und lügen möchte ich auch nicht.
Ich bin sehr vorsichtig geworden in Bezug darauf, wieviel und was ich von mir erzähle.

Ich habe gute Freundinnen und Freunde verloren. Eine Frau, in die ich verliebt war, verabschiedete sich mit den Worten „Ich frage mich, wie Du das aushältst. Tut mir leid, aber ich halte es nicht aus, dies alles mitzuerleben.“
Eine andere Freundin habe ich verloren, weil sie sich meine Unterstützung wünschte und ich für sie nicht die Kraft übrig hatte, die sie brauchte. Ich verstehe daher sehr gut, dass niemand anderes Kraft für mich haben kann und erwarte dies von niemandem.
Meine früher engste Freundin sagte zu mir: „Bitte melde Dich oder komm nur noch, wenn es Dir gut geht, ich möchte nur noch positive Dinge in mein Leben lassen.“ Dies tut weh, doch ich kann es verstehen.
Ihre Tochter, mein Patenkind, fragte mich in einem Brief, wie es mir so ginge und was ich mache. Dreimal habe ich versucht ihr zu antworten und den Brief immer wieder zerrissen, weil ich nicht wusste, was ich darauf antworten sollte. Was konnte oder sollte ich schreiben? Was würde sie verstehen? Wovor sollte ich sie schützen?
Das waren so Gedanken, die mir durch den Kopf gingen. Bis ich mir darüber bewusst wurde, dass ich mich schäme.
Ich sehe mich nicht als Opfer meiner Erkrankung, ich kämpfe ja und suche nach immer neuen Wegen. Ich bin in meinem Inneren immer noch der gleiche Mensch, ebenso wertvoll wie jeder andere auch. Vielleicht bin ich sogar stärker als früher. Ich habe eigentlich keinen Grund mich zu schämen. Und doch schäme ich mich, dass als Folge meiner Erkrankung so vieles in meinem Leben zusammengebrochen ist.
Nachdem ich das erkannt hatte, konnte ich ihr schreiben.

Ich habe wundervolle Menschen, die mich unterstützen, Freunde, die für mich wie eine Familie sind. Meine eigene Familie hält in jeder Situation zu mir. Ich bekomme tolle Rückmeldungen von Menschen, die ich aus den Augen verloren und wiedergetroffen habe. Ich habe neue Freunde gefunden. Ein ganz besonderer Mensch ist Teil meines Lebens geworden. Schön, dass es Dich gibt!
Hierfür bin ich wirklich sehr dankbar.

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