Wohnungssuche mit Hartzen und Ösen

Meine Wohnsituation würde ich als prekär beschreiben. Nicht aufgrund des Zustandes der Wohnung, ich habe ein an sich recht schönes Zimmer. Doch seit ich Hartz-IV beantragen musste, haben die schon vorher bestehenden Spannungen in meiner Wohngemeinschaft dramatisch zugenommen, bis es vollkommen eskaliert ist (die bisherigen Geschichten zu meiner Wohnsituation siehe hier, hier und hier).
Auch wenn ich guten Gewissens denke, dass ich alles Mögliche versucht habe, eine Eskalation zu vermeiden, werde ich als der Störenfried angesehen. Nicht nur der Vermieter will, dass ich so schnell wie möglich ausziehe, auch die gesamte Wohngemeinschaft. Ich selbst empfinde die Situation als unerträglich und suche schon seit Monaten eine neue Wohnung.
Doch Wohnungssuche mit Hartz-IV ist etwas ganz besonderes…

Nun hatte ich endlich eine gefunden. Im brennendsten sozialen Brennpunkt unserer Landeshauptstadt, doch frisch renoviert und vom Preis her innerhalb aller vom Jobcenter gesetzten Grenzen. Man hatte kein Problem mit meinem Hartz-IV-Bezug, in diesem Stadtteil sind schätze ich mal ohnehin mehr als die Hälfte der Bewohnerinnen und Bewohner beim Jobcenter gemeldet. Die Wohnungsverwaltung hatte sich für mich entschieden und man füllte mir das Formular ‚Wohnungsangebot‘ aus, welches ich vom Jobcenter erhalten habe.
Natürlich dürfte ich mir grundsätzlich jede Wohnung nehmen die ich möchte und hinziehen, wohin ich möchte. Doch wenn man die Miete nun einmal nicht selbst bezahlen kann und man Leistungen vom Jobcenter erhält oder haben möchte, muss dieses vorher zustimmen. Dafür gibt es eben das Formular ‚Wohnungsangebot‘.

Nun ist es aber so, dass ich im Umland unserer Landeshauptstadt wohne und für mich das Jobcenter des umliegenden Landkreises zuständig ist, welches rein räumlich eine Außenstelle in der Landeshauptstadt hat, bei der ich geführt werde, weil es dichter ist.
Wenn ich nun in die Landeshauptstadt ziehe, ist dies mit einem Wechsel der örtlichen Zuständigkeit der Jobcenter verbunden. Deshalb brauche ich die Zustimmung von beiden Jobcentern.

Das Jobcenter, bei dem ich aktuell bin, prüft dabei, ob ein triftiger Grund für einen Umzug vorliegt. Ein Grund wäre, wenn meine jetzige Miete zu hoch wäre oder ich irgendwo anders eine Arbeit aufnehmen würde. Ja, grundsätzlich würde mir das Grundgesetz ja erlauben, mich irgendwo im Bundesgebiet niederzulassen. Aber für die Zustimmung zu einem Umzug vom Jobcenter, bräuchte es nun mal einen Grund.
Die Konflikte mit meinem Vermieter sind dem Jobcenter nicht verborgen geblieben und wurden als Grund anerkannt. Ich erhielt darüber eine schriftliche Bestätigung. Das Mietangebot sei auch ok, doch das muss das andere Jobcenter prüfen.
Man wünschte mir viel Erfolg und gab mir noch auf den Weg: Ich hätte ja gerade den turnusmäßigen Weiterbewilligungsantrag beim Kreis-Jobcenter eingereicht. Wenn es klappt mit dem Umzug solle ich daran denken, diesen Antrag zurückzunehmen. Er gilt nicht für das andere Jobcenter, dort müsste ich einen komplett neuen Antrag stellen (oh Gott, nochmal 64 Seiten…).
Warum haben die mir nur viel Erfolg gewünscht…?

Mit der Bestätigung vom Kreis-Jobcenter bin ich dann zum Jobcenter der Landeshauptstadt, das liegt nur zwei Häuser weiter, eben um die Ecke.
Es war viel voller, man zieht eine Nummer und wartet unter den Argusaugen eines privaten Wachdienstes. Ich nahm mir den einzigen freien Stuhl neben der Wachhabenden. „Hier bitte nicht hinsetzen, gehen Sie bitte da rüber zu den anderen Wartenden“, sagte diese. Das Jobcenter ist nun einmal für den brennendsten sozialen Brennpunkt der Landeshauptstadt zuständig, da braucht man sichere Distanz, dabei bin ich doch mehr so der Schwiegermutters-Liebling-Typ.
Wie schön ist es doch im Kreis-Jobcenter…

Irgendwann war ich dann dran…

Man könne dem Mietangebot nicht zustimmen, sagte die Frau hinter dem Tresen.
Es würden Angaben zur Aufgliederung der Wasserkosten, zum Renovierungsbedarf, zur Ausstattung der Küche und zur Art des Bodenbelages fehlen.
Ja, aber das ist ja auf dem Formular ‚Wohnungsangebot‘ gar nicht enthalten“, sagte ich, „wie soll die Wohnungsverwaltung wissen, dass das benötigt wird und warum wird das benötigt?“, fragte ich.
Sie haben das Formular des Landkreises, wir haben ein eigenes Formular und wollen andere Angaben. Das vom Landkreis kann ich nicht akzeptieren.“

Sie holte ihr Formular aus einem Aktenschrank hinter ihr. An den anderen zwei Serviceplätzen neben mir ging es auch um Anträge auf Übernahme von Mieten (Diskretion wird großgeschrieben). Eine andere Mitarbeiterin suchte das gleiche Formular, fand es und fragte die Mitarbeiterin vor mir „Ham‘ wir ´n neues Formular?“ „Nee, is‘ immer noch das gleiche…

Mit „und dann sind die Betriebskosten zu niedrig“, wandte sich die Mitarbeiterin vor mir wieder an mich.
Bitte? Wie soll ich das verstehen, zu niedrig?“, fragte ich verdattert zurück.
Ja, die liegen unter unseren Richtwerten. Wir gehen davon aus, dass dann eine hohe Nachzahlung bei der Abrechnung zu erwarten ist und die übernehmen wir dann nicht. Ich brauche eine schriftliche Bestätigung des Vermieters, dass die Betriebskostenvorauszahlung auskömmlich ist und keine Nachzahlungen zu erwarten sind. Wenn Sie das haben, können Sie wiederkommen.

Welcher Vermieter bestätigt schon im Voraus, dass die Betriebskostenvorauszahlungen auskömmlich sind? Es ist klar, dass die Jobcenter Mietangebote ablehnen, die über den Grenzwerten liegen, doch weil die angesetzten Kosten zu niedrig sind? Was soll das nun wieder?
Die Mitarbeiterin wirkte völlig emotionslos, sie machte den Eindruck, dass sie wie ein Automat ohne Nachzudenken ihren Job erledigte.
Hat man keine Lust auf einen Zuzug aus dem Umland und möchte dies so schwer wie möglich machen? Zumindest hatte ich das Gefühl.

Später habe ich gehört, dass es in unsererLandeshauptstadt in recht großem Umfang Missbrauch von Vermietern gegeben hat, die die Betriebskosten in Mietangeboten bewusst zu niedrig angeben und später dann horrende Nachzahlungen in Rechnung stellen. Im Ergebnis liegt die Gesamtmiete dann deutlich über den zulässigen Grenzen.
Das Jobcenter versucht sich davor zu schützen, indem es Mietangebote mit vergleichsweise niedrigen Betriebskosten erst einmal zurückweist und weitere Nachweise verlangt.
Dies erfolgt dann leider häufig auf dem Rücken der Wohnungssuchen und Mieter, die hier zwischen dem Jobcenter und den Vermietern stehen.
Sinnvoller wäre es, den Wohnungsmarkt endlich wirksam zu regulieren, damit überhaupt ausreichender, günstiger Wohnraum vorhanden ist und um betrügerische Praktiken von Vermietern dort zu unterbinden, wo sie entstehen, bei den Vermietern.

Ob das Mietangebot, welches ich erhalten hatte getürkt war oder nicht, werde ich nie erfahren. Die Wohnung hat unter diesen Umständen ein anderer bekommen.

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