Wie im Großen, so im Kleinen

Meine erste Station in der ‚Belastungserprobung‘ sollte der ‚Bürobereich‘ sein. Wie wird es dort aussehen? Ich habe vorher mehrfach darauf hingewiesen, dass ich in Räumen mit Laserdruckern nicht arbeiten kann.
Im Testraum sind keine“, wurde mir gesagt.

Tatsächlich, in der ersten Woche im ‚Büro‘ wurden ausschließlich schriftliche Tests durchgeführt. In dem dafür vorgesehenen Raum waren keine Laserdrucker.

Wiederholt wurden wir zu Einzelgesprächen in das Büro der Anleiter gebeten.
Eine kurze Zeit geht‘s“, sagte ich, auch wenn sich erste Symptome wie Reizhusten oder brennende Augen nach wenigen Minuten einstellen. Ich habe jedoch so oft auf meine Einschränkung hingewiesen, dass ich nicht jeden kurzen Aufenthalt in Räumen mit Druckern ablehnen und gleich wieder als Querulant angesehen werden wollte.

Ich zeigte dem Anleiter eine Laboruntersuchung, die meine Immunreaktion bei Kontakt mit Tonerstaub zeigt. Darin sind die Normalwerte des Immunsystems, die Entzündungswerte bei einer normalen Virusinfektion und die Entzündungswerte bei einem Kontakt mit Tonerstaub dargestellt. Die Entzündungswerte bei Kontakt mit Tonerstaub sind 300- bis 500-Mal höher als bei einer normalen Virusinfektion. Eine immunologische Unverträglichkeit ist eine sogenannte ‚inflammatorische Erkrankung‘, praktisch eine Entzündung verschiedener Organe oder Schleimhäute. Grafisch dargestellt sind diese Werte durchaus eindrucksvoll.
Ich dachte, dass ein Zahlenmensch wie ein Diplom-Handelslehrer eine solche Darstellung versteht und einen Eindruck davon bekommt, dass selbst eine sehr geringe Exposition mit Tonerstaub sehr starke Auswirkungen für mich hat. Er hat es nicht verstanden…

Der gesamte ‚Bürobereich‘ umfasst 4 Arbeitsräume. Freitagsnachmittags treffen sich alle Rehabilitanden zu einem gemeinsamen Kaffeetrinken. Dieser Termin ist verpflichtend. Nur, dieses Treffen findet ein einem Großraumbüro mit Laserdrucker- und Kopierer-Vollausstattung statt.
Ich kann nicht daran teilnehmen“, sagte ich. „So lange kann ich mich ohne Gesundheitsgefährdung nicht in einem solchen Raum aufhalten.“
Dann bleiben Sie im Testraum“, sagte mein Anleiter. „Sie müssen dann aber weiterarbeiten.“
Kein Problem für mich. Leider hat er vergessen, seinen Kollegen aus dem Großraumbüro zu unterrichten und machte selber Feierabend. Als der Kollege mich später traf, wurde ich sofort angeraunzt:
Warum waren Sie nicht in der Kaffeerunde? Das ist verpflichtend!
Ich kann mich in dem Raum nicht länger aufhalten, deshalb konnte ich nicht teilnehmen.“
Dann müssen Sie Sich von der Ärztin befreien lassen, so geht das nicht!

Diese Geschichte mag im ersten Anschein lächerlich sein. Doch sie ist ein Beispiel für die vielen kleinen Komplikationen in der Zusammenarbeit, die sich aus meiner Toner-Erkrankung ergeben. Wie in der realen Arbeitswelt im Großen, zeigen sie sich hier in der Reha im Kleinen.

In der zweiten Woche im ‚Bürobereich‘ soll ich in einen anderen Arbeitsraum mit Computerarbeitsplätzen wechseln.
Da dürfen aber keine Laserdrucker sein“, sagte ich noch einmal. „In beiden Großraumbüros kann ich nicht arbeiten. Selbst wenn ein Kopiergerät vor der Tür steht, würde es nicht auf Dauer gehen.“
Sie kommen in unseren kleinen hinteren Raum, da sind keine Drucker.“

Da waren doch Drucker.
Sie werden kaum benutzt und wir schalten sie einfach aus. Dann kann keiner Drucken, solange Sie hier sind“, sagte der Anleiter.
Aber das reicht nicht aus, die Emissionen beziehungsweise Reste davon sind noch im Raum.“
Probieren Sie es.“
Ich ließ mich darauf ein und probierte es. Eine Stunde, ich spürte Reizungen in den Bronchien, musste ständig husten, spürte Schwindel, Müdigkeit. Das waren recht deutliche Symptome, irgendetwas stimmte hier nicht.
Dann hörte ich das Geräusch eines Kopiergerätes. Nanu, wo kommt das denn her, fragte ich mich.
Hinter der ständig geöffneten Tür zum benachbarten Großraumbüro stand ein Kopiergerät, welches auch als Netzwerkdrucker genutzt wurde. Ich hatte es hatte nicht gesehen. Wenn es mir vorher aufgefallen wäre, hätte ich gewusst, dass ich in dem Raum nicht arbeiten kann. So hatte ich nun zu viel von den giftigen Stoffen abbekommen.
Das geht so nicht!“, sagte ich zum Anleiter. „Ich werde in diesem Raum krank. Eine noch stärkere Konfrontation kann und will ich nicht riskieren. Ich habe ein Notebook, nehme die Aufgaben mit und werde sie in einem anderen Raum erledigen.“
Aber es gab keinen anderen freien Raum. Im Flur zum Treppenhaus stand ein kleiner Tisch unterhalb eines Fensters. Den nahm ich und erntete verwunderte Blicke der Vorbeigehenden.
Wie im Großen, so im Kleinen. Bei meiner früheren Arbeit im ‚Inklusionsbüro‘ hatte ich über fast zwei Jahre kein eigenes Büro.

Ich schilderte die Ereignisse später meiner ‚Bezugstherapeutin‘. Diese hatte die Aufgabe, die Reha-Maßnahme zu koordinieren, Veränderungen mussten mit ihr besprochen werden. Ich hoffte, ihr anhand dieser Beispiele beschreiben zu können, wie und auf welche Weise aufgrund meiner Erkrankung in vielen kleinen Situationen Ausgrenzungen entstehen.

Sie fühlen sich also ausgegrenzt“, sagte die Therapeutin.

Ich fühle das nicht nur, ich bin tatsächlich ausgegrenzt, das ist doch eine Tatsache.“

Nein, Sie empfinden sich nur als ausgegrenzt. Sie werden nicht ausgegrenzt, Sie grenzen Sich selbst aus, indem Sie nicht an der Kaffeerunde teilnehmen oder den Arbeitsraum verlassen.“

Ich werde krank, wenn ich mich längere Zeit in diesen Räumen aufhalte, richtig schwer krank, es dauert Tage oder Wochen, bis die Symptome abklingen und ich mich regeneriere, wenn ich einmal zu viele Emissionen abbekommen habe. Ich kann mich dort nicht aufhalten, das ist ein Fakt!

Die Ausgrenzung findet dennoch in Ihrem Kopf statt“, sagt die Therapeutin. „Stellen Sie Sich mal einen Hochspringer vor, der ein Bein verloren hat. Er kann vielleicht nicht mehr springen, aber er kann doch noch zu den anderen Hochspringern gehen und mit ihnen zusammen sein. Er kann doch auf diese Art teilhaben.“

Aber am Springen kann er ohne Hilfsmittel nicht mehr teilhaben“, sagte ich. „Was nützt es ihm, nur noch daneben zu stehen? Wenn ich dies auf die Arbeit übertrage, soll ich dann nur noch von außen zusehen und nicht mehr selbst arbeiten? Am Arbeitsleben teilzuhaben heißt selbst zu arbeiten, und zwar in einem seiner Qualifikation entsprechenden Beruf. Außerdem, wenn ich meine Situation auf den Hochspringer übertrage, könnte er ja noch nicht einmal hingehen und danebenstehen. Ich kann mit Emissionen belastete Räume wenn überhaupt nur sehr kurz betreten. Ich kann mich nicht darin aufhalten.“

Sie sind zu starr in ihrem Denken, Sie grenzen Sich damit selbst aus.“

Neeiiin! Wer ist hier starr in seinem Denken? Wer hat hier Schranken im Kopf?
Herr, lass Hirn vom Himmel regnen. Ich verstehe nicht mehr, was an meiner Situation so schwer zu verstehen ist. Es ist eine körperliche, nicht reversible Beeinträchtigung. Sie lässt sich nicht umgehen, man kann nicht einfach seine Haltung ändern und schwupps ist sie weg. Sie lässt sich nicht durch therapeutische Gespräche auflösen. Ein Bein wächst ja auch nicht nach wenn man über die Folgen eines Unfalls spricht.
Meine Erkrankung schafft große Barrieren, die sich nur durch das Entfernen dieser Geräte überwinden lassen. Die Lösung könnte so einfach sein, in der Praxis ist es so unendlich schwer und es scheitert an den Schranken in den Köpfen der anderen.

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2 Gedanken zu “Wie im Großen, so im Kleinen

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